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Das Thema verstehen

Der Existenzialismus ist eine philosophische Strömung des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Menschen als Ausgangspunkt des Denkens begreift. Statt von einer festen menschlichen Natur auszugehen, betont er, dass der Mensch seine Existenz erst durch eigene Entscheidungen und Handlungen gestaltet. Freiheit, Verantwortung, Angst und Sinnfrage stehen im Mittelpunkt. Wichtige Vertreter sind Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger, Sartre und de Beauvoir, die jeweils unterschiedliche Akzente setzen und sich teils deutlich voneinander abgrenzen.

Vom Vorläufer zur philosophischen Strömung
Der Existenzialismus entstand nicht aus dem Nichts, sondern aus einer längeren Entwicklung. Søren Kierkegaard wandte sich in den 1840er Jahren gegen Hegels Systemphilosophie und stellte das einzelne, entscheidende Subjekt ins Zentrum. Friedrich Nietzsche radikalisierte die Sinnfrage mit seiner Diagnose des Nihilismus. Im 20. Jahrhundert wurde Martin Heideggers Sein und Zeit von 1927 einflussreich, auch wenn Heidegger sich ausdrücklich von der Existenzialismus-Bezeichnung distanzierte. Jean-Paul Sartre machte die Denkrichtung nach dem Zweiten Weltkrieg populär und verband sie mit Literatur und politischem Engagement.

Existenz vor Essenz: Sartres Kernthese
Sartre erklärte die Formel, dass Existenz der Essenz vorausgeht, am Beispiel eines von Handwerkern entworfenen Gegenstandes: Ein Papiermesser existiert erst in der Vorstellung seines Zwecks, bevor es gefertigt wird. Bei Menschen verhält es sich nach Sartre umgekehrt, wenn man keinen Schöpfer annimmt: Der Mensch existiert zunächst und bestimmt erst danach durch Entscheidungen und Taten, wer er ist. Es gibt demnach keine feste menschliche Natur, keine vorgezeichnete Rolle und keine Berufung, auf die man sich berufen könnte. Jede Berufung auf angebliche Zwänge ist für Sartre eine Form der Selbsttäuschung, der mauvaise foi.

Religiöse und atheistische Varianten
Der Existenzialismus ist keine einheitliche Lehre, sondern eine Familie verwandter Fragestellungen. Kierkegaard und später Karl Jaspers suchten die Antwort auf Grenzsituationen im Glauben beziehungsweise in der Offenheit für Transzendenz. Sartre und Simone de Beauvoir vertraten dagegen einen atheistischen Ansatz: Ohne Gott gibt es keine vorgegebene Ordnung, weshalb der Mensch Werte selbst setzen muss. Albert Camus schließlich lehnte sowohl den Glaubenssprung als auch die Bezeichnung Existenzialist ab; sein Denken kreist um die Absurdität und die Frage, ob man angesichts eines sinnlosen Universums trotzdem leben und handeln kann.

Wirkung und Grenzen
Nach 1945 prägte der Existenzialismus Literatur, Theater und die öffentliche Debatte in Frankreich, etwa durch Sartres Romane und Camus' Erzählungen. Simone de Beauvoir verband die Grundidee der Selbstbestimmung mit einer Analyse der gesellschaftlichen Stellung der Frau und wurde so zur Wegbereiterin der feministischen Philosophie. Zugleich gab es Einwände: Kritiker warfen der Richtung Subjektivismus vor, da Werte allein aus individueller Wahl entstehen sollten. Heidegger selbst betrachtete sein Werk nicht als Existenzialismus, und auch Camus distanzierte sich von der Etikette, was die Zuordnung einzelner Denker erschwert.

Fragen zur Wiederholung

Was bedeutet der Satz Existenz geht der Essenz voraus?

Er besagt, dass der Mensch nicht mit einer festgelegten Natur oder Bestimmung geboren wird. Zuerst existiert man, und erst durch eigene Entscheidungen und Handlungen formt man, wer man ist. Werte und Identität sind demnach nicht vorgegeben, sondern werden im Leben erst geschaffen.

Warum gilt Kierkegaard als Vorläufer des Existenzialismus?

Kierkegaard richtete sich gegen die Systemphilosophie Hegels und stellte stattdessen das einzelne Subjekt mit seinen existenziellen Entscheidungen ins Zentrum. Besonders der Glaubenssprung als freie, nicht rational begründbare Entscheidung gilt als existenzialistischer Grundgedanke, auch wenn Kierkegaard selbst religiös dachte und der Begriff Existenzialismus erst später entstand.

Wie unterscheiden sich Sartre und Camus in ihrer Deutung der Absurdität?

Beide sehen eine Spannung zwischen dem menschlichen Bedürfnis nach Sinn und einer gleichgültigen Welt. Camus hielt am Absurden fest und fragte, wie man trotzdem leben kann, ohne Trost zu suchen; er lehnte die Bezeichnung Existenzialist ab. Sartre dagegen betonte die radikale Freiheit, mit der der Mensch Sinn und Werte selbst erschafft.